My China Year. Oder: Warum ich heute nicht in China lebe.

Ich bekenne: Ich habe ein komplettes Sinologie-Studium absolviert, M.A.-Abschluss mit Sinologie im zweiten Hauptfach. Und anschließend sogar noch einen Dr. phil. draufgesetzt, nicht in Sinologie, aber über die chinesische Sprache. Eine „Karriere“ in diesem Bereich habe ich dann allerdings nicht weiter verfolgt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist mir allerdings erst neulich beim Lesen meines China-Tagebuchs von 1987/88 klar geworden.

In den Jahren 1987/1988 habe ich ein Jahr in China studiert – so wie es sich für jeden ernsthaften Sinologie-Studenten gehörte. Ich war einer der „guten“ Studenten meines Jahrgangs und hatte daher theoretisch verschiedene Möglichkeiten, das Auslandssemester zu gestalten: Erstens, ein Auslandsstipendium für China vom DAAD zu erhalten. Zweitens, als „Selbstzahler“ über den DAAD vermittelt in China zu studieren. Drittens, wie zweitens, aber auf Taiwan. Viertens, eines der zwei jährlich vergebenen Uni-Stipendien für die Partner-Uni in Wuhan zu bekommen.

Nummer eins klappte nicht, weil ich nicht aus einer Akademiker-Familie stamme, und daher bei der Bewerbung zu ehrlich war, und mir kein gut klingendes aber unrealistisches Wolkenkuckucksheimforschungsprojekt für das Studienjahr zusammenfantasiert hatte: Der Stipendienantrag wurde folglich abgelehnt. Nummer vier kam nicht infrage, weil ich erst zum dritten Semester an die Uni gewechselt hatte, und die Stipendiaten für das kommende Jahr zu dem Zeitpunkt quasi schon fest standen. Blieb die Entscheidung: Als sog. Selbstzahler in die Volksrepublik China oder nach Taiwan? Taiwan wäre immer gegangen, als Ausweg, wäre aber sehr viel teurer geworden als auf dem Festland. So bewarb ich mich also für einen Studienplatz auf dem Festland. Und bekam einige Monate später eine Zusage, erst für Chengdu in der Provinz Sichuan, aber dann etwas später erfolgte eine „Korrektur“: Shanghai sollte es werden! Und zwar die Fudan-Universität!

Die Fudan in Shanghai! Was bei jedem chinesischen Studenten einen Freudentaumel ausgelöst hätte, denn die Fudan galt neben Beida und Qinghua, beide in Beijing, als eine der drei Elite-Unis in China, stellte sich im Nachhinein als Unglück heraus – zumindest akademisch gesehen.

Shanghai war schon damals eine fantastische Stadt! Auch wenn die andere Flussseite noch leer war – kein einziges Hochhaus! Das Leben in einer damals 13-Millionen-Stadt war faszinierend! Außerdem war Shanghai ideal ans Verkehrsnetz angebunden, mit Zügen und Schiffen.

Dagegen war die Fudan-Uni eine der restriktivsten bei den Kontakten der „ausländischen Freunde“ mit der chinesischen Bevölkerung in ganz China: Das Wohnheim für ausländische Studenten war ein Areal außerhalb der eigentlichen Uni, mit der typischen hohen Mauer drum rum, und einer Tag und Nacht bewachten Pforte. Es war eine Art seltsames Gefängnis: Wir Insassen durften raus, wann immer wir wollten. Aber nicht zur Uni gehörende Chinesen durften nicht rein! Drinnen war für alles gesorgt: Eigene Mensa, Kiosk, Freizeitraum, … Und da wir damals etwa 400 Auslandsstudenten waren – aus wirklich der ganzen Welt! – hatten wir weniger Kontakt zur Bevölkerung, als an irgendeiner anderen Uni in China.

Und wenn man draußen unterwegs war, im Bus, mit dem Fahrrad, etc. kam das nächste Problem: In Shanghai sprach im Alltag kein Mensch Mandarin! Und Shanghaihua ist kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache! Wenn man jemanden nach dem Weg fragte oder im Geschäft, antworteten sie zwar auf Hochchinesisch, aber im Alltag draußen verstand man NICHTS! Das wurde mir erst am Ende meines Aufenthaltes, als ich noch vier Wochen in Beijing (Peking) verbrachte, schmerzlich bewusst: Plötzlich verstand ich, worüber die Leute im Bus so alles redeten. Zum Beispiel über mich …

Am schlimmsten war aber der Sprachunterricht an der Uni: Zu Beginn, gleich nach meiner Ankunft, mussten alle einen Einstufungstest machen, und dank des sehr auf modernes Chinesisch ausgerichteten Studiums an meiner Heimat-Uni wurde ich auf Anhieb in den höchsten Sprachkurs eingestuft. Doch die Unterrichtsmaterialien waren schlecht, der Inhalt uninteressant, der Unterricht größtenteils frontal. Gerechterweise muss ich jedoch sagen, dass es auch ein paar sehr gute Fächer und Lehrerinnen gab, wo ich gerne hingegangen bin. Aber das war die Ausnahme.

Später dachte ich oft, ich sei vielleicht schlicht zu faul, undiszipliniert oder einfach doof gewesen. Aber beim Lesen meines Tagebuchs nach über 30 Jahren wird klar, dass es allen dort so ging: Nach zwei Monaten ging kaum noch jemand regelmäßig zum Unterricht. Weil man das Gefühl hatte, bei jedem Gang in die Stadt, bei jeder Reise durchs Land mehr zu lernen als im Klassenzimmer. Und reisen war billig und abenteuerlich! Meine Mitstudenten aus der DDR waren genau so frustriert wie die anderen Westdeutschen, Franzosen, Italiener, Russen, Kanadier, US-Amerikaner … Nur die Japaner zogen es stoisch und gewissenhaft durch.

Vielleicht hätte ich im „E“-Kurs leichter gelernt als im „F“-Kurs, wer weiß! Und als dann das erste Semester vorbei war, gab es fürs zweite Semester keinen höheren Kurs mehr, für Ausländer. So durfte ich offiziell an der Computerabteilung studieren. Laut meinem Tagebuch habe ich tatsächlich mit Begeisterung einige Wochen lang den PASCAL-Kurs besucht! Daran erinnere ich mich nicht mehr, aber an eine Vorlesung, in der der Dozent Dialekt sprach, sodass ich kein Wort verstand, und nach zwei Wochen aufgab.

Fairerweise muss ich aber einräumen, dass die Uni außerhalb des Unterrichts unglaublich viel für ihre ausländischen Studierenden organisiert hat: Exkursionen, Fabrikbesichtigungen, Filme, Konzerte, Peking-Oper und Shanghai-Oper, … Das ist mir auch erst jetzt bewusst geworden, als ich das Jahr lesend Revue passieren ließ, und ich bin heute sehr dankbar dafür!

Und so kam es, dass ich stattdessen anfing, Reisepläne zu schmieden: Mit einem deutschen Mitstudenten, der noch bedeutend frustrierter war als ich, plante ich einen vier-Wochen-Trip in den „Wilden Westen“, nach Xinjiang. Tibet wäre uns lieber gewesen, aber da es dort in den Wochen und Monaten zuvor „Unruhen“ gegeben hatte, war Tibet für Ausländer geschlossen. Erst als wir ganz im Westen waren, erfuhren wir von anderen Rucksack-Touristen, dass es einen legalen Weg gäbe, nach Lhasa zu fahren [notabene: Es gab damals noch keine Zugverbindung!]. Wir wagten und gewannen, und so wurde aus geplanten drei Wochen Xinjiang dann fast acht Wochen Xinjiang und Tibet. (Ich habe an anderer Stelle schon einmal darüber geblogt, mit Bildern: XinjiangTibet.)

Um die chinesische Sprache wirklich gut zu beherrschen hätte ich danach mindestens ein weiteres Jahr in China verbringen müssen. Aber nicht in Shanghai. Und so beschloss ich, nach Deutschland zurück zu fahren (übrigens mit der Transmongolischen Eisenbahn), und dann dort meine beiden Magister-Hauptfächer umzukehren: Sinologie war fortan nur noch das zweite Hauptfach.

Jahre später kam dann noch mein spätes Coming-out hinzu: Zwar hätte ich nach dem Abschluss bestimmt eine Stelle in China bekommen können, bei irgendeinem namhaften deutschen Konzern dort. Aber in den 1990er Jahren war ein offenes Leben in China unvorstellbar. Und so habe ich irgendwann meine China-Ambitionen endgültig zu Grabe getragen.

Dieses Jahr ich China möchte ich allerdings nicht missen! Beim ersten Lesen meiner Erinnerungen nach über dreißig Jahren ist mir erst so richtig klar geworden, welches Privileg ich hatte, in dieser spannenden Zeit dort leben und reisen zu dürfen! Es hat mich bestimmt mehr geprägt, als mir heute bewusst ist.

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